Vortrag 1

Zweifühlung – Regulierung von Anziehung und Interaktion in Paarbeziehungen auf dem Hintergrund des weiterentwickelten Tele-Konzeptes von Moreno

„Wir alle würden gern den uns am besten ergänzenden Partner wählen, mit dem wir ohne Reibungen und Widerstände leben können (…). Aber unsere Welt ist nicht so geschaffen…“ (Moreno, 1973, S. 161).

Für Jakob Levi Moreno und seine Frau Zerka Moreno (1975) stellt Tele einen komplexen Prozess dar, der gelingenden Beziehungen zugrunde liegt: es ist das „Hineinfühlen des einen in den anderen. Es ist ‚Zweifühlung‘ im Unterschied zur ‚Einfühlung‘“ – einer Zweifühlung, die frei ist von inadäquaten Rollenzuschreibungen.

Grete Leutz erweitert und differenziert den Telebegriff und spricht von positivem und negativem Tele, wobei es ihr um eine realitätsgerechte gegenseitige Wahrnehmung geht, die auch ein bewusstes Nicht-Wählen bzw. Trennen bei Paaren zur Folge haben kann. Auch von Ameln et al. (2004) bezeichnen Tele als „die Basis allen zwischenmenschlichen Beziehungsgeschehens (…), vollständiges Tele ist für gelingende, gestörtes Tele für misslingende (…) Beziehung verantwortlich.“

Schacht (2003) erläutert, dass sich hinter Morenos Telebegriff eine Reihe verschiedener Teleprozesse verbergen und die dafür erforderliche Telefähigkeit im Rahmen der individuellen Rollenentwicklung gebildet wird. Eine der ersten „Paarkonstellationen“ ist die Dyade zwischen Bezugsperson und Kind. Hier werden Handlungskompetenzen erworben, die im späteren Leben in Begegnungen und Interaktionen einfließen. Bei Störungen in der Entwicklung kann die Fähigkeit zur Zweifühlung erheblich beeinträchtigt bleiben und in weiterer Folge die Gestaltung kreativer Ich-Du-Begegnungen erschweren. Die auf den verschiedenen Entwicklungsebenen erlernten Fähigkeiten und inneren Repräsentationen von Rollenkonfigurationen (Schacht 2009) bringen wir somit auch in unsere Paarbeziehungen ein.

Die wesentlichen Schritte gelingender Paarbeziehungen lassen sich gut mit Krügers (1997) Teleprozess erklären. Sein erweiterter Telebegriff beschränkt sich nicht nur auf Morenos gegenseitige realitätsnahe Zweifühlung, sondern umfasst ein prozesshaftes Geschehen von vier Schritten, das die Auflösung inadäquater Rollenzuweisungen ermöglicht und Telefähigkeit fördert.

Der Vortrag befasst sich mit der Weiterentwicklung des Telebegriffes und zeigt auf, welchen Einfluss vorhandene oder nicht vorhandene Telefähigkeit auf die Regulierung von Anziehung sowie auf das Interaktionsgeschehen in Paarbeziehungen nehmen kann.


Trinkel Gerda,Mag.a, MSc
Pädagogische Psychologin, Psychotherapeutin (Psychodrama),Lehrtherapeutin und Lehrsupervisorin im Fachspezifikum Psychodrama ÖAGG/Donau-Universität Krems,langjährige Leiterin einer Beratungsstelle der Caritas Kärnten, mehrere Publikationen für die therapeutische Arbeit mit der Methode Psychodrama